Hintergründe und Tipps
zum korrekten Gendern

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Geschlechtergerechte und geschlechterneutrale Sprache

Das Thema der Geschlechtsspezifität und mangelnden Flexibilität unserer Sprache begegnet uns überall – in den populären Medien genauso wie in Anleitungen zum wissenschaftlichen Schreiben oder Handreichungen zum Verfassen von Verwaltungsdokumenten. Neu ist es jedoch nicht: Seit mindestens 40 oder 50 Jahren existiert die Forderung nach einer gendergerechten Sprache, um die Gleichstellung von Frauen und Männern zum Ausdruck zu bringen und stereotype Rollenbilder aufzuheben.

Dennoch ist in der letzten Zeit ein deutlicher Wandel wahrzunehmen. Wenn Sie heutzutage eine öffentliche Rede, eine Stellenausschreibung, einen wissenschaftlichen Text oder ein behördliches Dokument formulieren müssen, ist eine „gegenderte“ Sprache häufig Pflicht.

Muss Gendern zu hässlichen Formulierungen führen?

Ein wichtiger Einwand gegen eine geschlechtergerechte Sprache lautet, dass die Formulierungen ungeschickt, hölzern und grammatikalisch falsch klingen. Die Texte seien schwer lesbar. Sicherlich sind solche Argumente nicht völlig von der Hand zu weisen. Fehlerhaftes Deutsch und konstruierte Phrasen sind jedoch weder das Ziel geschlechtergerechter Sprache noch müssen sie das Ergebnis von ihr sein.

Viele Textgattungen ermöglichen es, zumindest weitgehend in genderneutraler Sprache zu schreiben, ohne dass Ihr Text verkrampft klingt oder Sie die Grammatik der deutschen Sprache ändern müssen. Vorausgesetzt werden jedoch ein gewisses Umdenken und die Bereitschaft, geschlechtergerechtes Schreiben als kreative Herausforderung zu betrachten.

Die folgende Grafik und die folgenden Abschnitte zeigen Ihnen verschiedene Möglichkeiten des korrekten Genderns auf.

Arten des korrekten Genderns

Doppelnennungen

Die einfachste Option fürs Gendern ist die Doppelnennung, bei der Sie die männliche und die weibliche Bezeichnung der Gemeinten explizit nennen.

Manchmal klingt dies selbstverständlich und natürlich, etwa in der Anrede „sehr geehrte Damen und Herren“. In anderen Fällen wirkt die ausgeschriebene Form – besonders in der Häufung – umständlich und bemüht: „Heute möchten wir Ihnen, geschätzte Leserinnen und Leser, unsere neuen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vorstellen.“

Gekürzte Doppelnennungen

In der Praxis haben sich mittlerweile verschiedene Kürzungskonventionen etabliert. Auch der Duden favorisiert die gekürzte gegenüber der ausgeschriebenen Form des Genderns. Folgende Abkürzungsformen wollen wir uns näher anschauen:

  • geschätzte Leser/-innen
  • geschätzte Leser(innen)
  • geschätzte LeserInnen
  • geschätzte Leser*innen
  • geschätzte Leser_innen

Duden-konforme Abkürzungen: Schrägstrich und Klammer

Die Schreibweise mit dem Schrägstrich entstand in den 1940er-Jahren, die Schreibweise mit der Klammer sogar bereits Ende des 18. Jahrhunderts. Hätten Sie es gewusst?

Wenn Sie Wert auf eine Duden-konforme Schreibweise legen, kommen übrigens nur die ersten beiden Möglichkeiten in unserer Liste infrage. Denken Sie bei der ersten Variante an den Auslassungsstrich nach dem Schrägstrich; der Duden erachtet ihn als notwendig.

Die zweite Schreibweise mit der Klammer ist zwar ebenfalls Duden-konform, die Schweizerische Bundeskanzlei lehnt sie jedoch ab. Die weibliche Form werde dadurch abgewertet: „In Klammern steht üblicherweise, was für das unmittelbare Verständnis nicht notwendig ist und deshalb überlesen werden kann.“ (S. 22) Auch beim Auslassungsstrich nach dem Schrägstrich ist die Schweizerische Bundeskanzlei anderer Auffassung als der Duden: In den amtlichen Publikationen des Bundes wird die Schreibweise mit Schrägstrich, aber ohne Auslassungsstrich verwendet („Leser/innen“).

Das Binnen-I

Die feministische Linguistik favorisiert seit den 1980er-Jahren das Binnen-I („LeserInnen“), das „auf schlaue Weise eine feminine Lesart suggeriert, die trotzdem auch für Männer akzeptabel sein sollte, da sie sich ja von der rein femininen Form ‚Leserinnen‘ graphisch deutlich unterscheidet“ (so wird Sprachwissenschaftlerin Luise F. Pusch im Magazin derstandard.at zitiert).

Gegner dieser Schreibweise führen unter anderem die orthografische Fehlerhaftigkeit des Binnen-I ins Feld. Der Rat für deutsche Rechtschreibung sieht das anders: Das Binnen-I sei weder „orthografisch richtig noch orthografisch falsch“. Durch seinen graphostilistischen Charakter sei es der Textgestaltung zuzuordnen und diese unterliege nicht der amtlichen Regelung.

Gender-Star und Gender-Gap: Männer, Frauen und …

Die beiden letzten Schreibweisen in unserer Liste, der Gender-Star („Leser*innen“) und der Gender-Gap („Leser_innen“), gehen noch einen Schritt weiter: Der Asterisk bzw. der Unterstrich sollen als Auslassungszeichen betrachtet werden und die Möglichkeit weiterer Geschlechtsidentitäten abseits des Mann-Frau-Schemas offenlassen.

Die Verwendung des Asterisk leitet sich aus dem IT-Bereich ab; das Sternchen dient dort als Wildcard (Stellvertretung) für eine beliebige Zeichenanzahl.

Das Gender-Problem umgehen: Neutralisierung

Neben der expliziten Nennung der gemeinten Geschlechter gibt es die Strategie, geschlechtsmarkierende Formulierungen prinzipiell zu vermeiden. Zugegeben macht die deutsche Sprache es Ihnen sehr viel schwerer als etwa die englische, passende Begriffe zu finden. Bei manchen Substantiven genügt es aber schon, sie in den Plural zu setzen, um Geschlechterneutralität zu erzielen. Ein Beispiel:

Nicht genderneutral: Jeder Auszubildende hat heute etwas Wichtiges gelernt.
Genderneutral: Alle Auszubildenden haben heute etwas Wichtiges gelernt.

Andere Begriffe lassen sich relativ leicht abändern, zum Beispiel:

Beispiele für genderpositive und genderneutrale Sprache
Nicht genderneutral Genderneutral
Fach-/Feuerwehr-/Kaufmann Fach-/Feuerwehr-/Kaufleute
Ehegatten Eheleute
Studenten Studierende
jeder, der alle, die
Benutzeroberfläche Benutzungsoberfläche


In vielen Fällen ist allerdings etwas mehr sprachliche Kreativität gefragt. Sie müssen ganze Sätze umstrukturieren bzw. ein anderes Verb finden, um dennoch einen eleganten und leicht lesbaren Text zu formulieren:

Nicht genderneutral: Endlich kennen wir den Missetäter.
Genderneutral: Endlich wissen wir, wer die Missetat begangen hat.

Die Fußnoten-Methode: die einfachste Lösung?

Nicht immer haben wir Lust und Zeit, den beschriebenen Sprachverrenkungen nachzugehen. Und manchmal helfen sie doch nichts: Das Ergebnis ist schwer lesbar oder missverständlich.

Insbesondere in schriftlicher Kommunikation bietet sich daher eine weitere, sehr einfache Lösung an: Fügen Sie einfach in der Einleitung oder in einer Fußnote eine Anmerkung hinzu. Damit dokumentieren Sie, dass Sie sich der Gender-Problems bewusst sind, aus sprachökonomischen Gründen aber nur für eine Genusform entschieden haben.

Wohlgemerkt: eine Genusform. Diese kann auch feminin sein. Zum Beispiel:

Statt: Unsere Nutzer gaben positives Feedback.
Lieber: Unsere Nutzerinnen gaben positives Feedback.

In englischsprachigen Texten ist diese Methode übrigens tatsächlich recht verbreitet. Die Gefahr von Missverständnissen ist aber trotz eines expliziten Hinweises vorhanden. Jemand könnte den Hinweis überlesen oder Ihren Text nur abschnittsweise lesen.

Daher dürfte die wohl sicherste Schreibweise immer noch die klassische sein, die von der maskulinen Form als der grammatischen Standardform ausgeht:

Unsere Nutzer gaben positives Feedback.*

Ein Beispiel für die Fußnoten-Formulierung könnte lauten:

* Maskuline Formen schließen feminine Formen in diesem Text stets mit ein. Mit Nutzern sind also auch gleichzeitig Nutzerrinnen gemeint.

Aber Achtung: Viele Gleichstellungs-Expert*innen und Gesetzesausleger*innen halten die Fußnotenvariane für nicht gendergerecht. Wenn Sie also Gesetzestexte, Behördenschreiben, Universitätsarbeiten verfassen, sollten Sie unbedingt vorher prüfen, wie Ihre Insitutation oder die konkreten Empfänger*innen es sehen.

Häufig haben staatliche Organisationen Richtlinien für gendergerechte Sprache, in denen solche Dinge geregelt sind. Leider sind viele der dort diskutierten oder sogar explizit empfohlenen Vorschläge nicht Duden-konform und widersprechen der amtlichen Rechtschreibregelung, an die sich alle staatlichen Einrichtungen ebenfalls zu halten haben. Es ist also oft eine persönliche Entscheidung des Schreibenden, wie intensiv und in welcher Form gegendert werden soll.

Nicht übers Ziel hinausschießen

Bei allem Einfallsreichtum und allen lobenswerten Bemühungen um eine geschlechtergerechte Ausdrucksweise sollten Sie auf jeden Fall nicht übers Ziel hinausschießen. Die Lebendigkeit und die Kraft unserer Sprache gehen sonst schnell verloren – und Sie erhalten einen ungenauen, unpersönlichen und konstruierten Text.

Wir nehmen dem „Tante-Emma-Laden“ seinen nostalgischen Zauber, wenn er, wie das Genderwörterbuch „Geschickt gendern“ vorschlägt, zum „Minimarkt“ oder sogar zum „Laden für Waren des täglichen Bedarfs“ wird. Und warum das „Mannsbild“ in demselben Wörterbuch unbedingt zur „gestandenen Person“ gegendert werden muss, ist ebenfalls unklar ...

Zum Schluss sei Ihnen noch eine interessante Lektüre ans Herz gelegt: Der Anglistikprofessor Anatol Stefanowitsch setzt sich in seinem „Sprachlog“ so unterhaltsam wie ernsthaft mit der Problematik der gendergerechten Sprache im Alltag und im akademischen Umfeld auseinander. Selbstverständlich darf auch eine Gegeneinsicht nicht fehlen. Diese vertritt der Germanist Peter Eisenberg.

31.05.2017, zuletzt aktualisiert am 07.06.2017

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