Wie unterscheidet sich
das Hochdeutsche vom Schweizerhochdeutschen

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Hochdeutsch ist nicht gleich Hochdeutsch

Etwa zwei Drittel der Schweizer sind deutsche Muttersprachler. Zudem ist das Hochdeutsche in der Schweiz die nationale Amtssprache. Allerdings ist das Hochdeutsche keine streng einheitliche Sprache. Vielmehr gibt es unterschiedliche Ausprägungen. Das Schweizerhochdeutsche unterscheidet sich in einigen Punkten vom Hochdeutschen, das in Deutschland gebräuchlich ist.

Die Unterschiede zwischen den Varianten betreffen einzelne Wörter, die als Helvetismen bezeichnet werden, aber auch die Aussprache und Grammatik. Mit etwas Hintergrundwissen kann ein deutscher Muttersprachler aus der Schweiz sehr gut hochdeutsche Texte für den Gebrauch in der Bundesrepublik schreiben oder lektorieren. Und andersherum können hochdeutsche Muttersprachler aus Deutschland mit einiger Vorbildung problemlos schweizerhochdeutsche Texte verfassen und Korrektur lesen.

Insbesondere viele Schweizer entscheiden sich oft für einen Lektor oder Texter aus Deutschland. Das hat häufig finanzielle Gründe, denn die Preise sind in Deutschland meist niedriger als in der Schweiz. Mindestens genauso häufig spielt allerdings auch der Wunsch eine Rolle, möglichst international verstanden zu werden. Wir zeigen, welche Sprachunterschiede es gibt und worauf beim Texteschreiben und -korrigieren zu achten ist. Am Artikelende finden Sie eine Tabelle mit den wichtigsten Unterschieden bei Begrifflichkeiten in geschäftlicher Korrespondenz.

Grammatikalische Unterschiede

Für Ohren, die Hochdeutsch gewöhnt sind, klingt die schweizerhochdeutsche Grammatik an manchen Stellen schlichtweg falsch. Und auch schweizerhochdeutsche Muttersprachler werden an einigen Stellen in bundesdeutschen Schriftstücken ins Stocken geraten. Anstatt den Rotstift anzusetzen, sollte ein Lektor aber genau hinschauen und im Zweifelsfall natürlich nachschlagen. Denn nicht alles, was auf den ersten Blick falsch klingt, ist es auch.

Unterschiede zwischen der schweizerhochdeutschen und der hochdeutschen Grammatik gibt es bei Verben, Substantiven und Präpositionen. Zudem werden in den Varianten unterschiedliche Wortbestandteile verwendet.

Abweichungen bei Verben

Schweizerhochdeutsche Sprecher sind gerne an der Bar gestanden. Auch sind sie auf einer Bank gesessen. Und manchmal sind sie sogar in der Sonne gelegen. Hochdeutsche Muttersprachler hingegen haben an der Bar gestanden. Sie haben auf der Bank gesessen und in der Sonne gelegen. Während im Schweizerhochdeutschen die Verben setzen, stellen, legen das Perfekt mit sein bilden, verlangen sie im Hochdeutschen das Modalverb haben.

In der Schweiz steht nach dem Verb sehen die Präposition zu, nicht nach. Während hochdeutsche Muttersprachler also nach ihrem Kind sehen, sehen Schweizerdeutsche zu ihrem Kind. Außerdem tragen sie Sorge zu ihrem Nachwuchs. Hochdeutsche Sprecher hingegen tragen Sorge für ihren Nachwuchs.

Artikel von Substantiven

Wir empfehlen Lektoren und allen sprachlichen Grenüberquerern, falsch anmutende Artikel nachzuschlagen. Hier gibt es nämlich zahlreiche Unterschiede zwischen dem Hoch- und dem Schweizerhochdeutschen. Einige haben wir aufgelistet:

Schweizerhochdeutsch Hochdeutsch
die Butter der Butter
das Marzipan der Marzipan
die Salami der Salami
das Gummi der Gummi
das Foto die Foto
der Efeu das Efeu
der Bikini das Bikini
die SMS das SMS

Pluralbildung bei Substantiven

Auch die Pluralbildung mancher Substantive unterscheidet sich im Schweizerhochdeutschen von der Bildung im Hochdeutschen:

  • der Park, Hochdeutsch: die Parks, seltener Parke, Schweizerhochdeutsch: die Pärke,
  • der Kragen, Hochdeutsch: die Kragen, Schweizerhochdeutsch (auch Süddeutsch und Österreichisch): die Krägen,
  • das Departement, Hochdeutsch: die Departements, Schweizerhochdeutsch: die Departemente.

Unterschiede beim Fugen-s

Unterschiede gibt es ebenso beim Gebrauch des Fugen-s. Ein Beispiel ist der hochdeutsche Zugverkehr, der im Schweizerhochdeutschen als Zugsverkehr bezeichnet wird. Auch andersherum gibt es Abweichungen beim Fugen-s.

So zum Beispiel heißt es im Hochdeutschen Bahnhofsordnung, im Schweizerhochdeutschen Bahnhofordnung. Lektoren und Texteverfasser sollten auf jeden Fall nachschlagen, wenn sie sich nicht sicher sind.

Unterschiede bei der Rechtschreibung

Ein wesentlicher Unterschied zwischen der schweizerhochdeutschen und der hochdeutschen Rechtschreibung ist die Verwendung des ß. Hochdeutsche Muttersprachler, die einen Text im Schweizerhochdeutschen schreiben oder lektorieren, haben es sehr einfach, denn in dieser Sprachvariante gibt es kein ß.

Schweizerdeutsche Muttersprachler sollten sich allerdings mit der Regel für ß-Schreibung auseinandersetzen, die in der amtlichen Rechtschreibregelung folgendermaßen formuliert ist:

„Für das scharfe (stimmlose) [s] nach langem Vokal oder Diphtong schreibt man ß, wenn im Wortstamm kein weiterer Konsonant folgt." (Deutsche Rechtschreibung, § 25, S. 29)

Als Beispiele werden die Wörter Maß, Straße, Spieß, groß, grüßen; außen, außer, draußen, Strauß, beißen, Fleiß aufgeführt. Eine Ausnahme bildet das Wort aus. Weitere Besonderheiten bei [s] sind dem amtlichen Regelwerk zur deutschen Rechtschreibung zu entnehmen.

Lehnwörter und Redewendungen

Wundern sollte sich ein Schreiber oder Redakteur auch nicht, wenn ein schweizer­deutscher Muttersprachler seine Wäsche in den Tumbler statt in einen Wäschetrockner gibt oder seine Haare beim Coiffeur statt bei einem Friseur schneiden lässt. Im Schweizer­hochdeutschen sind nämlich teils andere Lehnwörter gebräuchlich.

Das hat seinen Ursprung im Einfluss verschiedener Fremdsprachen. Ins Schweizer­hochdeutsche sind mehr Begriffe eingegangen, die dem Französischen, Italienischen, Englischen und Lateinischen entlehnt sind.

Einfluss des Französischen

Besonders das Französische hat auf das Schweizer­hochdeutsche einen großen Einfluss. So wird der Kommissar (hochdeutsch) in Anlehung an das französische Wort commissaire als Kommissär bezeichnet. Einige französische Ausdrücke sind sogar in Bezug auf Schreibung und Bedeutung gänzlich ins Schweizer­hochdeutsche übernommen worden. Nachfolgend geben wir einige Beispiele (vgl. Duden, S. 84):

  • merci (= danke),
  • d’accord (= einverstanden),
  • Velo (= Fahrrad).

Lehnwörter aus dem Italienischen

Das Italienische hat laut Duden hingegen kaum Einfluss auf das Schweizer­hochdeutsche genommen, „obwohl Italienisch eine Landssprache der Schweiz ist und zusätzlich seit Anfang des 20. Jahrhunderts eine bedeutende Anzahl italienischer Immigranten in der deutschen Schweiz leben“ (Duden, S. 84). Einige Beispiele gibt es dennoch:

Schweizerhochdeutsch Hochdeutsch
die Karette die Schubkarre
das Akonto die Anzahlung
die Postur der Körperbau, die Statur

Das Englische im Schweizerhochdeutschen

Das Englische hat ebenfalls einen Einfluss auf das Schweizer­hochdeutsche. Allerdings sind viele Begriffe, die dieser Sprache entlehnt wurden, auch in in der Standardsprache in Deutschland zu finden. Spezifisch schweizerisch sind einige Ausdrücke aus dem Fußball (vgl. Duden, S. 84.):

Schweizerhochdeutsch Hochdeutsch
Captain Kapitän
Corner Ecke
Final Finale
Goal Tor
Offside Abseits

Einfluss des Lateinischen

Bei den Begriffen aus dem Lateinischen sieht es sehr ähnlich aus. Denn Latein hatte bis ins 17. Jahrhundert hinein einen großen Einfluss auf die gesamte deutsche Sprache. Spezifisch schweizerisch sind beispielsweise diese Lehnwörter (vgl. Duden, S. 84):

  • Biber (= der Lebkuchen),
  • der Torkel (der Kelter, die [historische] Weinpresse),
  • der Sukkurs (= die Unterstützung).

Unterschiede in Phrasen

Oftmals unterscheiden sich schweizer­hochdeutsche und hochdeutsche Rede­wendungen. Ratlos können Muttersprachler beider Varietäten sein. Allerdings drücken sie dies auf unterschiedliche Weise aus. Während der Schweizer wie der Esel am Berg steht, steht der Deutsche wie der Ochs vorm Berg.

Phraseologismen sollten immer ganz genau geprüft werden. Denn oft unterscheiden sie sich in den Varietäten nur marginal. Zu den sogenannten Phraseologismen zählen Redewendungen und Redensarten, aber auch feste Fügungen wie Grußformeln und Anreden.

Abweichungen bei Präpositionen

Im Schweizer­hochdeutschen gibt es laut Duden im Unterschied zum Hochdeutschen bei Präpositionen eine ausgeprägte Tendenz zum Dativgebrauch. Die folgenden Präpositionen werden im Schweizerhochdeutschen mit dem Dativ gebildet, im Hochdeutschen meist mit dem Genitiv:

  • wegen
  • trotz
  • während
  • wegen

Wegen des Unterschieds sollte ein schweizerdeutscher Lektor oder Texter bei der Arbeit vorsichtig sein. Trotz des einen oder anderen Zweifelsfalls aber nicht den Kopf in den Sand stecken. Das gilt natürlich auch für den hochdeutschen Lektor oder Texter eines schweizerdeutschen Textes. Er sollte während dem Lektorat alles Fragwürdige nachschlagen. Dank diesem Umstand oder dieses Umstands lernen Lektoren, egal welche Varietät sie sprechen, immerhin auch einiges dazu.

Unterschiede in Briefen und E-Mails

In Briefen und E-Mails gibt es drei wesentliche Unterschiede zwischen dem Hoch- und dem Schweizer­hochdeutschen. Wenn Sie diese zu den bereits genannten Unterschieden zwischen den beiden Sprachvarianten beachten, machen Sie auch bei der Korrespondenz eine gute Figur:

  • Hinter der Anrede steht im Hochdeutschen ein Komma, im Schweizer­hochdeutschen steht kein Satzzeichen.
  • Nach der Anrede (und dem darauffolgenden Komma) wird der erste Buchstabe des neuen Satzes im Hochdeutschen kleingeschrieben. Im Schweizer­hochdeutschen beginnt der erste Satz nach der Anrede mit einem Großbuchstaben.
  • Übermittelt der Sender dem Empfänger Unterlagen mit der E-Mail oder dem Brief, spricht er im Schweizer­hochdeutschen von Beilagen. Hochdeutsche Sprecher fügen Anlagen an.

Die wichtigsten Begriffsunterschiede in der Korrespondenz

Als Lektor oder Texter werden Sie garantiert auf viele der nachfolgenden Wörter in schweizer­hochdeutschen oder hochdeutschen Texten stoßen. Es handelt sich dabei um die wichtigsten Wörter, die besonders für die alltägliche Korrespondenz von Bedeutung sind. Die nachstehende Liste eignet sich daher nicht nur zum Nachlesen im Zweifelsfall, sondern auch wenn Sie einen Geschäftsbrief oder eine E-Mail eines Kunden oder Kollegen aus der jeweils anderen Varietät richtig verstehen möchten:

Schweizerhochdeutsch Hochdeutsch
allenfalls unter Umständen
Altersjahr Lebensjahr
sich anerbieten sich zu etwas bereiterklären, etwas anbieten
Anfang Jahr Anfang des Jahres, am Jahresanfang
ankünden ankündigen
anläuten anrufen
Besammlung Versammlung
die Beschrieb die Beschreibung
bis anhin bis jetzt
bis und mit bis einschließlich
danebst daneben
dannzumal in der angesprochenen Zukunft
dannzumalig in der angesprochenen Zukunft existierend
in nützlicher Frist in absehbarer Zeit
inskünftig

(Adv.) künftig, fortan, in Zukunft
(Adj.) zukünftig

je länger desto mehr, je länger je mehr immer mehr
jeweilen jeweils
männiglich jedermann
merci danke
minim minimal
das Natel das Mobiltelefon, Handy
obgenannt oben genannt
pendent noch nicht erledigt
die Pendenz unerledigte Aufgabe
pressieren 1. dringend sein
2. sich beeilen
punkto (Präposition mit Genitiv oder Akkusativ) betreffend, betreffs
raschestens, raschestmöglich so schnell wie möglich, unverzüglich
rekurrieren 1. Berufung einlegen
2. auf etwas zurückgehen, Bezug auf etwas nehmen
respektive beziehungsweise
retour zurück
schlussendlich schließlich, endlich, letztlich, letztendlich
speditiv effizient, zügig
der Telefonbeantworter der Anrufbeantworter
untertags tagsüber
verdankenswert Dank verdienend
vorab vor allem, in erster Linie, insbsondere
vorzu jeweils im Augenblick, von Fall zu Fall
weiter ferner, weiterhin, außerdem
wiedererwägen sich erneut mit einer Sache auseinandersetzen
zudienen zur Hand gehen, unterstützend helfen
zuhanden

Präposition mit Genitiv oder mit von:
1. (im Briefverkehr) für jemanden bestimmt
2. zur Weiterbehandlung

zuhinterst ganz hinten
zuoberst ganz oben
zwischenhinein zwischendurch

Quellenangaben

Falls sie als Lektor, Texter oder generell Fragen zu den Unterschieden zwischen Schweizer­hochdeutsch und Hochdeutsch haben sollten, sprechen Sie uns an. Wir unterstützen Sie gerne mit unserer Erfahrung und Kompetenz. Zudem empfehlen wir Lektoren, Textern und allen, die sich für die Unterschiede zwischen den beiden Sprachvarianten interessieren, die in diesem Artikel verwendete Literatur:

Bickel, Hans/Landolt, Christoph: Duden. Schweizer­hochdeutsch. Wörterbuch der Standardsprache in der deutschen Schweiz. Mannheim/Zürich 2012.

Rat für deutsche Rechtschreibung (Hrsg.): Deutsche Rechtschreibung. Regeln und Wörterverzeichnis. Entsprechend den Empfehlungen des Rats für deutsche Rechtschreibung. Überarbeitete Fassung des amtlichen Regelwerks 2004 mit den Nachträgen aus dem Bericht 2010. München/Mannheim 2006.

Schweizerischer Verein für deutsche Sprache (Hrsg.): Schweizer­hochdeutsch. Wörterbuch der Standardsprache in der deutschen Schweiz. Berlin 2012.

16.03.2017

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